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Viel Spaß beim Lesen wünscht dir deine


Susan

 

Leseprobe: Im Schatten des Zauberbergs

 

Marlene, 1. November 1969

Als Marlene das Schiff vor sich sah, schlug ihr Herz schneller – in wenigen Minuten würde sich ihr Leben für immer ändern. Sie sah sich um. Was, wenn Kurt ihre Flucht bemerkt hätte und ihr gefolgt war? Auf der Columbuskaje in Bremerhaven war heute der Teufel los. Zum letzten Mal hatte die United States im Hafen angelegt. Auf der Kaje wimmelte es von Menschen. Ein Schwarm Möwen flog kreischend über ihren Kopf hinweg.
„Marlene, ist alles okay?“
Sie sah zu Paul hinüber. Würde er zu ihr halten? Sie kannte ihn noch nicht so lange, als dass sie sich sicher sein konnte. Und dennoch war sie mit ihm gegangen.
„Ja, alles in Ordnung. Ich bin nur immer noch nervös. Wenn wir doch nur schon auf dem Schiff wären.“
„Keine Sorge, gleich haben wir es geschafft. Soll ich dir die Kleine abnehmen?“
Marlene betrachtete das Gesicht ihrer schlafenden Tochter. Sie sah aus wie ein Engel. Ich tue es auch für dich, dachte Marlene und gab ihrem Baby einen Kuss auf die Stirn.
Paul wartete noch immer auf ihre Antwort. „Nein, lass nur, sie ist ja nicht schwer.“
Sie zog die flauschige Decke etwas enger um ihr Baby. Es war der 1. November 1969. An der Weser herrschte ungemütliches Wetter. Bei rund fünf Grad Celsius zogen immer wieder Regenschauer über Bremerhaven. Marlene konnte sich kaum vorstellen, dass sie bald schon in einem Land sein würde, in dem es jetzt Sommer war. Australien. Das war so weit weg. Nie im Leben hatte sie sich vorstellen können, dass sie dort einmal hinkäme. Und dann noch unter diesen Umständen.
„Sieh dir bloß dieses riesige Schiff an. Schade, dass wir nur bis Southampton mit der United States fahren und dann noch einmal umsteigen müssen. Aber die Hauptsache ist, dass wir bald in Australien sind.“
Paul hatte bewundernd auf den eleganten Atlantikliner geblickt. Jetzt sah er die Frau an, mit der er ein neues Leben beginnen wollte.
„Bist du sicher, dass ich Anja nicht besser nehmen soll? Wir sind gleich am Schiff und müssen die steile Treppe hinauf.“
Marlene schüttelte den Kopf. Sie fröstelte und schwitzte im Wechsel. Ihr ganzer Körper stand unter Hochspannung. „Lass uns einfach schnell von hier verschwinden. Ich kann es noch gar nicht glauben, dass wir es wirklich getan haben.“
Es war Pauls Idee gewesen. Immer wieder hatten sie darüber gesprochen, einen Plan ausgeheckt, die Details diskutiert. Heute Morgen, kurz nachdem Kurt zur Arbeit gefahren war, hatte Paul vor ihrer Haustür gestanden. Das Taxi hatte mit laufendem Motor auf der Straße gewartet. Marlene hatte nur das Nötigste für sich und das Baby in eine Tasche gepackt. „Bist du bereit?“, hatte Paul gefragt. Sie hatte genickt. Er hatte sie und Anja in die Arme genommen und an sich gedrückt. „Vertrau mir. Alles wird gut“, hatte er ihr ins Ohr geflüstert und sie mit sich gezogen. Das Taxi war abgefahren und Marlene hatte sich nicht mehr umgeblickt.
Die United States lag nun direkt vor ihnen. Rauch drang aus den Schornsteinen des Schiffes. Die Dieselmotoren liefen. Gleich haben wir es geschafft. Marlene sah zu Paul hinüber. Seine Augen leuchteten.
„Paul?“ Er verlangsamte seinen Schritt und blickte ihr ins Gesicht.
„Liebst du mich?“
Sie hatte ihm diese Frage noch nie gestellt. Eigentlich war nun auch nicht der passende Moment dafür. Sie sollten zusehen, dass sie schleunigst auf dieses Schiff kamen.
Paul blieb stehen. Er stellte sich vor sie und legte beide Arme um ihre Taille. Das Baby schlief zwischen ihnen. Dann beugte er sich zu ihr hinab, schaute ihr tief in die Augen und presste seine Lippen sanft auf ihre. Die Zeit verlangsamte sich. Die Geräusche um sie herum wurden leiser, die Farben verblassten. Marlene fühlte sich wie in einem geschützten Kokon, abgeschirmt von der Außenwelt. Nur sie und Paul und ihr Baby. Schließlich löste er sich von ihr und trat einen Schritt zurück.
„Ich liebe dich mehr als mein Leben, Marlene.“
„Und Anja?“
„Ich werde ihr der beste Vater sein, den sich ein kleines Mädchen wünschen kann.“
Sein Blick verriet ihr, dass er jedes Wort so meinte, wie er es gesagt hatte. Aufatmend nickte sie. „Dann komm, lass uns auf das verdammte Schiff gehen und von hier verschwinden.“
Das Schiffshorn gab einen langgezogenen Ton von sich. Die Passagiere an der Reling riefen Abschiedsworte zu den Menschen an der Pier hinunter. Marlene und Paul setzen sich wieder in Bewegung. Sie liefen nun schneller. Es waren nur noch wenige Meter bis zur Gangway. Da spürte Marlene einen Griff wie aus Stahl an ihrer rechten Schulter. Sie geriet ins Straucheln. Anja begann zu schreien. Fast hätte sie das Baby fallen gelassen. „He, passen Sie doch auf!“, rief sie und drehte sich um.
Sie blickte in ein wutentbranntes Gesicht und hasserfüllte Augen. Eine eiskalte Hand legte sich um ihr Herz.
„Kurt … Was machst du hier?“
Hatte sie das gesagt? Ihre schlimmste Befürchtung war eingetroffen. Er hatte sie erwischt. Nur ein paar Sekunden später wären sie auf dem Schiff gewesen. Ihr Herzschlag geriet ins Stocken.
„Was ich hier mache?“ Kurt sah sie an, als wäre sie verrückt geworden. „Das sollte ich dich wohl besser fragen, du Flittchen. Du kommst jetzt sofort mit nach Hause.“
Paul hielt immer noch ihre Hand. Er war blass geworden.
„Kurt, bitte lassen Sie uns wie vernünftige Menschen miteinander reden. Ihre Frau liebt sie nicht mehr. Ihre Ehe war ein Fehler. Bitte, lassen Sie sie gehen.“
Kurt schien Paul erst jetzt richtig wahrzunehmen. Verächtlich musterte er ihn von Kopf bis Fuß. Marlene zitterte. Es sah aus, als würde Kurt jeden Moment mit seiner Faust ausholen und auf Paul einschlagen. Angesichts der vielen Menschen am Kai schien er Abstand davon zu nehmen. Stattdessen spuckte er vor Paul auf den Boden.
„Halt die Fresse oder ich poliere dir deine Visage, dass du dich niemals im Spiegel wiedererkennen wirst. Das da …“ Und damit zeigte er auf Marlene. „Ist mein Weib. Und das ist meine Tochter. Sie gehören mir. Verstehst du? Und jetzt verpiss dich dahin, wo du hergekommen bist und lass uns in Ruhe.“
Marlene hatte das Gefühl, außerhalb ihres Körpers zu stehen. Ihre Zähne klapperten vor Angst. Und trotzdem schaffte sie es, ihren Satz einigermaßen verständlich herauszubringen.
„Ich verlasse dich, Kurt. Anja und ich werden nicht zurückkommen.“
Ihr Mann sah sie an und ein Ausdruck der Verwunderung erschien auf seinem Antlitz. Hatte seine Frau da eben wirklich ein Widerwort gegen ihn gerichtet?
Er begann zu lachen. Er lachte wie ein Irrer.
„Kurt, bitte lassen Sie uns gehen …“, versuchte Paul es noch einmal. Das Schiffshorn tutete erneut. Die United States würde gleich ablegen. Da sprang Kurt nach vorne und riss Marlene das Kind aus den Armen. Anja heulte auf.
„Kurt! Nein! Gib sie mir wieder!“ Marlene schrie.
Kurts Stimme troff vor Hass. „Du falsches Biest. Hast wohl gedacht, ich merke nichts, was? Die ganzen Tage habe ich mir schon gedacht, dass da was im Busch ist. Und als du heute morgen so nervös warst, wie ich dich noch nie erlebt habe, da bin ich umgedreht und zurückgefahren. Genau zur richtigen Zeit. Das Taxi fuhr gerade ab.“
Er atmete schwer. Sein Blick wanderte zwischen ihr und Paul hin und her. Seine Augen wurden schmal und er wandte sich Paul zu. „Weißt du was? Meinetwegen kannst du dieses Flittchen mitnehmen …“
Jetzt sah er Marlene an. „Aber meine Tochter – die bleibt hier. Also los, geh mit ihm. Oder komm nach Hause zu deinem Mann und deinem Kind.“
Marlene bekam keine Luft mehr. Ihr war schwindelig. Jetzt nur nicht ohnmächtig werden. Sie wusste, dass er es ernst meinte. Sie musste sich entscheiden … Jetzt!

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