Schreibrituale

„Wie weit bist du eigentlich mit deinem neuen Roman?“

Falsche Frage. Ich fühle ein schlechtes Gewissen in mir aufsteigen, während ich nach Ausreden suche. Habe so viel zu tun im Moment. Muss erst andere Texte fertig  schreiben. Aber morgen setze ich mich wieder dran, ganz bestimmt.

Es ist ja nicht so, dass ich keine Lust zum Schreiben hätte, aber manchmal fehlt einem einfach der nötige Ruck zum Anfangen. Oder zum Weitermachen.

Oft ist es auch der Berg von Seiten, der noch vor mir liegt, der mir den Elan raubt.

Wie haben das eigentlich die berühmtesten Autoren der Welt gemacht – sich selbst immer wieder zu motivieren und  `dran zu bleiben? Welche Schreibrituale haben sie genutzt?

Einige haben sich selbst eine Mindestzahl von Wörtern auferlegt, die sie pro Tag schreiben mussten.  Ernest Hemingway zwang sich, mindestens 500 Worte am Tag zu Papier zu bringen. Bei Jack London waren es sogar doppelt so viele. Thomas Wolfe schrieb mindestens zehn Seiten pro Tag, das waren ungefähr 1800 Worte.

Schreibrituale: 500 Worte am Tag

Erfolgreiche Vorbilder zu haben, ist ja an sich schon eine gute Sache. Also habe ich es ausprobiert. 500 Worte sind meistens gut zu schaffen – auch wenn man tagsüber anderen Dingen nachgehen muss, als an seinem Roman zu arbeiten. Wenn ich mir morgens den Wecker eine Stunde früher stelle und den Laptop gleich neben dem Bett platziere (der Milchkaffee dabei ist allerdings unumgänglich), klappen oft auch 1000 Wörter. Wenn man das einige Tage durchgezogen hat, geht es tatsächlich viel leichter. Man ist wieder wirklich drin in der Geschichte  und möchte plötzlich nur noch eines: weiterschreiben.

Vermeide Ablenkungen

Was ist noch wichtig? – Lass dich nicht ablenken. Mach das Handy aus und verbiete dir selbst, E-Mails zu checken oder bei Facebook zu scrollen, während du an deinem Text arbeitest. In ihrem Buch „Bird by Bird“ schreibt Anne Lamott, Schreiben sei ähnlich wie Meditieren. Man muss seinen Geist zur Ruhe zwingen, um seine innere Stimme hören zu können. Das gelingt natürlich nicht, wenn man immer wieder in seiner Arbeit unterbrochen wird oder selbst zu unwichtigen Dingen abschweift.

Vergiss Belohnungen

Kann es helfen, sich selbst eine „Belohnung“ in Aussicht  zu stellen, wenn man sein Ziel geschafft hat – etwa den Text, das Kapitel oder gar den ganzen Roman zu Ende zu schreiben? – Damit wäre ich vorsichtig. Erstens könnte es teuer werden („Diamonds are a girl‘s best friends“…) oder man wird dick (erst ein großer Teller Spagetti und dann noch ein fettes Sahneeis, wenn ich hiermit fertig bin..). Außerdem gibt es da noch diese Studien….

Sie besagen, dass wir meistens die Freude an einer Aufgabe verlieren, wenn wir sie nicht mehr um ihrer selber willen ausführen, sondern um eine Belohnung dafür zu bekommen. Auf einmal haben wir nur noch die Belohnung vor Augen – vielleicht ein gutdotierter Buchvertrag, ein lohnendes Honorar, das Lob der Öffentlichkeit.

Tu es für dich!

Wie Dr. Teresa Amabile von der Brandeis University in Massachusetts. herausfand, verlieren wir durch eine Belohnung nicht nur den Spaß an der Sache, sondern werden auch noch schlechter. Bei ihrem Schulexperiment bekamen zwei Gruppen von Schülern die Aufgabe, eine Collage aus Bildern zu erstellen und sich Geschichten dazu auszudenken. Der einen Gruppe wurde gesagt, dass sie eine Belohnung für ihre Arbeit bekäme, den anderen Schülern wurde gar nichts versprochen. Das Resultat?  – Die Collagen wurden von einer unabhängigen Jury bewertet, die nicht wusste, wer zu welcher Gruppe gehörte. Ausnahmslos waren die Werke aus der Gruppe ohne Belohnungen viel kreativer und besser.  Ein ähnliches Experiment mit dem gleichen Ergebnis führte die Uni mit creative writers durch.

Was uns diese Erkenntnisse sagen sollen? – Vergiss den Buchvertrag als eigentlichen Grund für dein Schreiben. Tu es für dich! Hab Spaß daran, mit der Sprache zu spielen, deine Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen. Gewöhne dir Schreibrituale an. Und schaue erst später, was du ganz genau mit deinen Taxten anstellst.

Susan de Winter